Vorsilben und Nachsilben
Warum ist „Freundlichkeit“ großgeschrieben – und wie erkennt man, ob ein Wort auf -ig oder -lich endet?
Vor- und Nachsilben sind wichtige Bausteine der deutschen Wortbildung. Sie verändern die Bedeutung eines Wortes, bestimmen seine Wortart und verraten oft schon durch ihre Form, ob ein Wort groß- oder kleingeschrieben wird.
Vorsilben (Präfixe): Bedeutung gezielt verändern
Vorsilben werden an den Anfang eines Wortes gesetzt und verändern seine Bedeutung – manchmal stark, manchmal sogar ins Gegenteil. Aus dem einfachen Verb kommen werden je nach Vorsilbe ganz verschiedene Bedeutungen: ankommen (ein Ziel erreichen), bekommen (etwas erhalten), entkommen (fliehen), verkommen (verwahrlosen). Häufige deutsche Vorsilben sind: an-, auf-, aus-, be-, ein-, ent-, er-, ver-, zer-, über-, unter-, um-, durch-, hinter-. Die Schreibweise der Vorsilbe bleibt gleich, unabhängig davon, welches Wort folgt.
Nachsilben bei Nomen: -ung, -heit, -keit, -nis
Diese vier Endungen sind verlässliche Signale: Wörter mit diesen Nachsilben sind Substantive und werden daher großgeschrieben.
-ung entsteht meist aus Verben, hat immer den Artikel die und bildet den Plural mit -ungen: üben → die Übung; meinen → die Meinung; prüfen → die Prüfung; Ordnung, Bewegung, Planung.
-heit entsteht oft aus Adjektiven, hat immer den Artikel die und bildet den Plural mit -heiten: gesund → die Gesundheit; klar → die Klarheit; vergangen → die Vergangenheit; Freiheit, Schönheit, Sicherheit.
-keit entsteht ebenfalls oft aus Adjektiven, besonders aus solchen auf -lich, -ig oder -sam. Wörter mit -keit haben immer den Artikel die und bilden den Plural mit -keiten: höflich → die Höflichkeit; ehrlich → die Ehrlichkeit; aufmerksam → die Aufmerksamkeit; Möglichkeit, Fähigkeit, Schwierigkeit.
-nis entsteht aus Verben oder Adjektiven, hat den Artikel das oder die und bildet den Plural meist mit -nisse: erkennen → die Erkenntnis; erleben → das Erlebnis; Zeugnis → Zeugnisse; Finsternis, Bedrängnis.
Nachsilben bei Adjektiven: -ig, -lich, -isch
Diese drei Endungen verwandeln Substantive und andere Wortarten oft in Adjektive. Adjektive werden normalerweise kleingeschrieben, außer am Satzanfang oder wenn sie substantiviert werden.
-lich drückt häufig eine Eigenschaft, Ähnlichkeit oder Möglichkeit aus: freundlich, kindlich, natürlich, täglich, möglich, gefährlich, sportlich. Die Endung klingt wie das ch in ich. Verlängere das Wort, um die Schreibweise zu prüfen: lächerlich → lächerliche (ch bleibt).
-ig beschreibt oft einen Zustand oder eine Eigenschaft: neblig, hungrig, mutig, sandig, windig, saftig. Am Wortende wird -ig häufig wie -ich gesprochen. Verlängere das Wort, um die Schreibweise zu prüfen: lustig → lustige (g bleibt). Achtung: Diese Wörter enden auf -ig, auch wenn man manchmal -lich vermuten könnte: billig, füllig, heilig, adelig, ekelig, einmalig.
-isch drückt häufig Zugehörigkeit, Herkunft oder eine charakteristische Eigenschaft aus: logisch, romantisch, typisch, kindisch, medizinisch, italienisch, schulisch. Die Endung klingt wie sch in Fisch – sie ist damit von -lich und -ig gut unterscheidbar.
Nachsilben bei Adjektiven: -sam, -haft, -bar, -reich, -arm, -voll, -los
Auch diese Endungen signalisieren oft ein Adjektiv: arbeitsam, einsam; märchenhaft, traumhaft, fehlerhaft; essbar, trinkbar, denkbar; ideenreich, erfahrungsreich; fettarm, kalorienarm; liebevoll, eindrucksvoll; hilflos, wortlos, sinnlos. Wenn du diese Endung erkennst, weißt du meistens: Das Wort ist ein Adjektiv und wird kleingeschrieben. Wird es jedoch substantiviert, schreibt man es groß: der Hilflose, das Essbare.
Nominalisierung durch Nachsilben
Adjektive und Verben können durch Nachsilben zu Substantiven werden. Dieser Vorgang heißt Nominalisierung. Erkennungszeichen: Das neue Wort kann einen Artikel bekommen und wird großgeschrieben. Aus freundlich wird die Freundlichkeit; aus üben wird die Übung; aus erkennen wird die Erkenntnis.
Häufige Wortendungen: -en, -el, -er, -e
-en ist die typische Infinitivendung von Verben (gehen, lesen, schreiben) und kommt auch bei Pluralformen vor (die Blumen) sowie bei schwachen Maskulina (der Junge – des Jungen). In der Aussprache wird die Endung oft reduziert: lesen → [lesn].
-el findet sich bei vielen maskulinen und sächlichen Nomen (der Apfel, das Kabel, der Spiegel). Im Plural bleibt die Endung oft unverändert. Das e ist in der Aussprache kaum hörbar: Apfel → [Apfl].
-er ist typisch für viele maskuline Nomen (der Fahrer, der Vater, der Lehrer), einige feminine Nomen (die Schwester, die Feier) sowie Komparativformen (größer, schneller). In der Aussprache klingt -er oft wie [a]: Lehrer → [Lehra]. Familienwörter auf -er: Mutter, Vater, Tochter, Bruder, Schwester, Kinder.
-e kann bei allen drei Genera vorkommen: die Sonne, die Lehre, der Hase, der Name, das Ende. Auch konjugierte Verben enden in der 1. Person Singular oft auf -e: ich lerne, ich fahre.

